JSF 2-2020 online

2/2020 JUGENDSCHUTZ FORUM O 14 Praxis Corona: „Es ist normal, dass es in Familien jetzt mehr Streit gibt“ Interview mit Sabine Hartgen, Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz beim Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt gute Streitkultur in der Familie hilft bei kleinen und großen Themen. Es stärkt die Beziehun- gen, wenn nach einem Streit die Luft wieder rein ist und alle gemeinsam eine Lösung ge- funden haben. Aber wenn ein Streit eskaliert, wo findet ein Kind schnelle Hilfe? Hartgen: Wenn der Umgang in der Familie zu körperlichen oder seelischen Verletzungen führt, wird eine wichtige Grenze überschrit- ten. Deshalb ist es für Kinder von elementarer Bedeutung, ihre Rechte zu kennen und zu wissen, dass sie sich an uns wenden können. Oft ist familiärer Streit Anlass für einen Anruf bei unserem Kinder- und Jugendschutztele- fon. Für akute Fälle sind wir für Kinder und Familien an 365 Tagen im Jahr zu erreichen, täglich bis 23 Uhr. Wenn nötig, kommen die Mitarbeitenden in akuten Krisen auch vor Ort. 2019 war das etwa 250 Mal der Fall. Computerspiele, Chatten mit dem Han- dy, Fernsehschauen – Streit entzündet sich oft an den Grenzen, die Eltern hier setzen. Wie wichtig sind solche Gren- zen in Zeiten, in denen sich Kinder und Jugendliche draußen nicht mit anderen treffen können? Hartgen: Grenzen zu setzen, ist wichtig, um Halt und Orientierung zu geben – aber sie sollten liebevoll und klar gesetzt werden. Sie helfen Kindern, zwischen richtig und falsch Bei manchen Eltern liegen derzeit die Ner- ven blank – Home-Office, Home-Schooling, Familie und Haushalt – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Und dazu die Angst, wo- möglich den Job zu verlieren oder am Co- rona-Virus zu erkranken. All das unter einen Hut zu bekommen und dabei nicht die Ge- lassenheit zu verlieren, ist in dieser Zeit eine immense Herausforderung für Familien. Was tun, wenn das nicht reibungslos ge- lingt, die Situation in einen mehr als hef- tigen Streit eskaliert? Wo finden Eltern schnell und unbürokratisch Hilfe, bevor Schlimmeres passiert? Und wohin können sich Kinder selbst wenden oder Außen- stehende, die sich um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in Familien sor- gen? Fragen an Sabine Hartgen, Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz beim Jugendamt der Stadt. Für sich genommen ist ein Streit ja noch keine Katastrophe. Wichtig ist, wie es danach weitergeht, oder? Hartgen: Ja, Streit ist etwas ganz Normales – gut miteinander streiten ist sogar sehr wich- tig. So können Kinder von und mit Erwach- senen lernen, Argumente auszutauschen, Interessen zu vertreten, sich zu einigen, unterschiedliche Meinungen zu respektieren und auch mal stehen zu lassen. Ganz wichtig dabei ist auch, sich wieder zu vertragen. Eine zu unterscheiden und ihre Bedürfnisse auch mal aufzuschieben. Aber dazu gehört auch, Freiraum zu geben. Kinder müssen lernen zu stolpern, um sicher durch die Welt gehen zu können. Eltern haben die oft schwere Auf- gabe, die Balance zu finden zwischen Aus- probieren lassen und schützen. Gerade Eltern von Jugendlichen müssen manchmal täglich neu darüber verhandeln. Und oft fühlen sich dann beide Seiten hilflos, ohnmächtig und unverstanden. Auch in Vor-Corona-Zeiten hat es in Familien Streit über Ausgangszeiten, Mediennutzung oder Freundeskreise gege- ben, oft abends und am Wochenende, wenn alle miteinander zuhause sind. Wenn sich der Konflikt zuspitzt, vermitteln wir zwischen den Beteiligten und geben den Familien so Orien- tierung und Sicherheit. Was raten Sie Eltern, die das Gefühl haben, an ihrer Erziehungsaufgabe zu scheitern? Hartgen: Suchen Sie Hilfe! Denn unsere Er- fahrung ist: Eltern schöpfen durch Beratungs- gespräche, die selbstverständlich anonym stattfinden können, zunächst wieder mehr Gelassenheit und Kraft für den Alltag. Sich in einer solchen Situation Hilfe zu holen, ge- meinsam innezuhalten und zu überlegen, was zu tun ist – das ist das Gegenteil von Schwä- che. Es ist ein Zeichen von Stärke! (ffm) Das Interview führte das Presseamt der Stadt Frankfurt. Sabine Hartgen, die Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz, im Jugendamt in Frankfurt. Foto: Salome Roessler/lensandlight/p Team Kinder- und Jugendschutz beim Jugend- und Sozialamt Frankfurt am Main Das Frankfurter Kinder- und Jugend- schutztelefon des Jugend- und Sozialamtes der Stadt Frankfurt ist unter der kostenlose Telefonnummer 0800 20 10 111 an 365 Tagen im Jahr bis 23:00 Uhr erreichbar. Beratung für Eltern, Kinder und Jugend- liche sowie alle, die sich Sorgen um Kinder machen, auf Wunsch auch anonym. kinder-und-jugendschutz@stadt-frankfurt.de Frankfurter Kinderbüro Das Frankfurter Kinderbüro ist die kom- munale Interessenvertretung für alle Kinder der Stadt Frankfurt. Es wahrt die Interessen der Kinder und setzt sich für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskon- vention ein. Kontakt: Dr. Susanne Feuerbach, Frankfurter Kinderbüro, Schleiermacherstraße 7, 60316 Frankfurt, Tel. 069 212 390 01, susanne.feuerbach@stadt-frankfurt.de

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