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5 1 3/2015 JUGENDSCHUTZ FORUM O -4/2019 Gewalt ist nicht immer gleich Gewalt Bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft werden die Altersfreigaben in Zukunft von einer Software ermittelt – Fachleute sind skeptisch Wenn sich ältere Erwachsene an verstö- rende Fernseherlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern, geht es meist um einen allzu span- nenden „Tatort“, ein beklemmend realistisch geschildertes Verbrechen in „Aktenzeichen XY“ oder einen spätabends heimlich ge- schauten Horrorfilm. Heutzutage klingt das angesichts von Sex und Gewalt im Internet beinahe rührend, aber bis zur Einführung des Videoverleihs in den Achtzigern war das Fernsehen die einzige Möglichkeit, einen Blick auf verbotene Bewegtbilder zu erhaschen. Das Kino war dagegen schon immer konsequent reguliert: Wer für einen Film offenkundig nicht alt genug ist, hat keinen Zutritt. Für die entsprechenden Freigaben sorgt seit siebzig Jahren die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden. Bei einer Kinoproduktion schauen sich fünf Prüfer ge- meinsam einen Film an. Wenn die Handlung keine jugendschutzrelevanten Themen ent- hält, ist man sich rasch einig, bei strittigen Produktionen wird diskutiert; das dauert im Schnitt circa 15 Minuten. Kann sich die Runde nicht einigen – ab 6 oder ab 12 Jah- ren, ab 12 oder ab 16? –, wird die jeweils strengere Variante gewählt. Natürlich gab es immer wieder mal strittige Fälle. Die Freiga- be von Til Schweigers Beziehungskomödie „Keinohrhasen“ (2007) ab 6 Jahren stieß an- gesichts der teilweise sexgeprägten Dialoge auf Unverständnis bei vielen Eltern. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ (2002) sollte dagegen erst ab 12 freigegeben werden, was garantiert zu Dramen an der Kinokasse geführt hätte; der Verleih kürzte daraufhin einige der spannendsten Szenen. Die entsprechende Diskussion hatte zur Folge, dass ein sogenanntes Elternprivileg eingeführt wurde: In Begleitung von Erzie- hungsberechtigen dürfen auch Sechsjährige Filme ab 12 besuchen. Webbasierter Fragebogen Im Großen und Ganzen hat sich das Verfah- ren bewährt. Trotzdem wird die Prüfpraxis im kommenden Jahr radikal geändert: Die FSK entwickelt derzeit laut Geschäftsführer Stefan Linz „ein kriterienbasiertes Klassifi- zierungs-Tool, das die Prüfverfahren verein- fachen und beschleunigen soll“. Dieses Tool bestehe „aus einem dynamischen Web- basierten Fragebogen mit Fragen zu allen jugendschutzrelevanten Sachverhalten.“ Bei einem linearen filmischen Inhalt seien die Antworten vollständig überprüfbar. Für die Nutzer nicht sichtbar, ist jede Antwortoption mit einer sogenannten Beurteilungslogik verknüpft. Sie bestimmt nach einer zuvor festgelegten Definition eine Altersbewer- tung. Der Fragebogen ist in verschiedene Kate- gorien eingeteilt. Neben der Darstellung von Gewalt und Sexualität oder der The- matisierung von Drogenkonsum werden auch weniger offenkundige Aspekte des Jugendschutzes berücksichtigt, zum Bei- spiel selbstverletzendes Verhalten oder Sui- zid. Der Fragebogen umfasst derzeit knapp hundert Fragen, die aber nicht alle beant- wortet werden müssen. Wird eine der Kate- gorien nicht tangiert, fallen die zugehörigen Unterfragen weg. Wird eine Einstiegsfrage dagegen mit „Ja“ beantwortet, folgen detail- lierte Fragen zu dieser Kategorie. Linz erläu- tert dies am Beispiel Drogenkonsum: „Der Nutzer muss zunächst angeben, ob der Konsum bildlich dargestellt oder ‚nur’ the- matisiert wird. Dann folgen weitere Fragen zu verschiedenen Details: Handelt es sich um harte oder weiche Drogen, sind Minder- jährige involviert, wird der Konsum kritisch darstellt?“ Dank exakter Definitionen habe der Nutzer praktisch keinen Interpretations- spielraum, was wiederum Voraussetzung dafür sei, „dass unterschiedliche Nutzer zu identischen Ergebnissen kommen.“ Bisheri- ge Tests, bei denen Filme herkömmlich so- wie mit der neuen Methode geprüft wurden, seien äußerst positiv verlaufen. Skepsis angebracht? Fachleute sind trotzdem skeptisch. Sie verweisen auf die Niederlande, wo ein ver- gleichbares Freigabesystem schon vor ge- raumer Zeit eingeführt worden ist. Neutrale Tests hätten ergeben, dass die Übereinstim- mungen mit den Freigabeentscheidungen eines Prüfausschusses bei 85 Prozent lä- gen. Die restlichen 15 Prozent seien jedoch der Knackpunkt. Freigaben, die auf Algo- rithmen basierten, fielen erfahrungsgemäß strenger aus, weil in den standardisierten Codierungsbögen der Handlungskontext nicht berücksichtigt werden könne, sagt ein erfahrener Jugendmedienschützer: „Gewalt ist ja nicht immer gleich Gewalt, es gibt Unterschiede in der Intensität und in der Drastik der Darstellung. Beides lässt Rück- schlüsse auf die Frage zu, ob die Gewalt befürwortet wird; solche Differenzierungen sind bei Fragebögen nicht vorgesehen.“ Auch darauf hat Linz eine Antwort: In stritti- gen Fällen werde es wie bisher die Möglich- keit geben, in Berufung zu gehen; dann be- fasst sich ein Prüfausschuss mit dem Inhalt. Jugendschutz am Scheideweg? Trotzdem sehen Jugendmedienschützer ihr Metier gerade angesichts des scheinbar rechtsfreien Internets am Scheideweg. Wolle die Branche nicht vollends an Glaubwürdig- keit verlieren, heißt es, müsse sie sich viel stärker an den Bedürfnissen der Verbrau- cher orientieren. Die FSK-Freigaben stellen ja keine Altersempfehlung dar. Eine sinnvolle Ergänzung wäre zum Beispiel eine nutzer- freundliche Grafik, die Eltern auf einen Blick vermittelt, für welches Alter ein Film geeignet ist oder dass er für Kinder bedenklich sein könnte, weil er Sex- oder Gewaltszenen enthält. Im Sommer 1949 hat die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden ihre Arbeit aufgenommen. Die FSK ist nach dem Jugendschutzge- setz zuständig für die Alterskennzeich- nung von filmischen Inhalten im Kino und auf Video/DVD. Seit ihrer Gründung hat sie fast 250.000 filmische Inhalte geprüft und freigegeben: Spielfilme, Do- kumentationen, Kurzfilme, Serien, Trailer, Werbespots, Musik-Clips, Konzertauf- nahmen sowie Bonusmaterial auf DVDs. Derzeit werden pro Jahr rund 12.000 Freigaben erteilt. Über die Altersfreiga- ben entscheiden derzeit noch rund 230 ehrenamtliche Prüferinnen und Prüfer, die aus unterschiedlichen Berufsfeldern und gesellschaftlichen Bereichen stam- men. Viele haben Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder in der Medienwirkungsforschung. tpg Hintergrund Tilmann P. Gangloff (Allensbach)

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