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16 Evangelische Kirche: » Es ist wichtig, dass wir gut kommunizieren « 3-4/2019 JUGENDSCHUTZ FORUM O Prävention Wie werden Kinder in Hessen vor Missbrau In den vergangen Jahren gab es ständig neue Meldungen über aufgedeckte Missbrauchsfälle. Welche konkreten Schutz-Maßnahmen wurden in Hessens Kirchen, Vereinen, Schulen und Kitas g „Nicht alleine und niemals hinter verschlossenen Türen“ – diese Handlungsanweisung würde man wohl nicht direkt mit einer Kinder- und Jugendfrei- zeit in Verbindung bringen. Aber genau in diesem Zusammenhang steht sie. Es ist eine Regel in vielen Institutionen, die Freizeiten für Kinder und Jugend- liche veranstalten: Betreuer dürfen mit Minderjährigen nicht alleine und schon lange nicht alleine in einem geschlossenen Raum Zeit verbringen. Die Miss- brauchsskandale haben nicht nur großes Leid über die Opfer gebracht, sondern auch Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche betreuen, tief erschüttert. Deshalb finden schon seit einigen Jahren grundsätz- liche Paradigmenwechsel statt. Eine Umarmung zum Trost in der Kita oder eine Hilfestellung im Schulsport sind nicht mehr uneinge- schränkt selbstverständlich. Was früher in Schulen, Kitas und Vereinen normal war, wird heute hinterfragt. Die Eltern sind misstrauisch geworden. Institutionen, in denen Kinder und Jugendliche von Erwachsenen betreut, geschult oder beaufsichtigt werden, stehen unter Druck – und vor allem im Fokus der Öffentlichkeit. Sowohl die katholische und evangelische Kirche als auch Sportvereine und Schulen haben Konzepte entwickelt, die Missbrauch verhindern sollen. Sie sollen aber auch Transparenz schaffen und Eltern Ängste nehmen. Wer Verantwortliche im Sektor Kin- der- und Jugendarbeit befragt, trifft auf Menschen, die sich umfangreich mit dem Problem des Missbrauchs Minderjähriger auseinandergesetzt haben. Sie sprechen offen und reflektiert über das Thema. So zum Bei- spiel Piet Henningsen, Geschäftsführer des Evange- lischen Jugendwerkes Hessen, und der evangelische Stadtjugendpfarrer in Frankfurt und Offenbach, Christian Schulte. Beide haben sich Gedanken ge- macht und ziehen Konsequenzen. „Wir sind nicht per se in Frage gestellt, aber es ist wichtig, dass wir gut kommunizieren, dass wir immer verantwortungs- voller mit Kindern und Jugendlichen umgehen“ sagt Piet Henningsen. Im Stadtdekanat Frankfurt und seinen Kirchengemein- den gibt es seit 1. Januar 2017 ein einheitliches Prä- ventions- und Kinderschutzkonzept. Es wird außer- dem ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung eingefordert. Christian Schulte sagt zum Präventions- und Kinder- schutzkonzept: „Wir hatten natürlich Sorge, dass mit der Einführung des erweiterten Führungszeugnisses einige ,Teamer‘ (Jugendgruppenleiter) abspringen würden, aber ganz im Gegenteil: Sie betrachten es als selbstverständlich.“ Doch damit nicht genug: Jeder Mitarbeiter, der eine Jugendgruppe oder Freizeit leitet, muss außerdem eine spezielle Ausbildung absolvieren, in welcher der Kinderschutz thematisiert wird. Darüber hinaus gibt es in jeder evangelischen Kirchengemein- de im Stadtdekanat Frankfurt einen Kinderschutzbe- auftragten. Auch das ist eine Konsequenz der Vielzahl an aufgedeckten Missbrauchsfällen. Auch bei den ganz Kleinen hat die evangelische Kir- che neue Konzepte entwickelt. „Bevor wir einem Kind einen feuchten Waschlappen ins Gesicht drücken, fragen wir das Kind, ob es den Mund abgewischt haben will“, sagt Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN). In Hessen Nassau werden in den evangelischen Kitas Kinderschutzkon- zepte und Verhaltenskodexe erstellt. Außerdem exis- tiert eine Fachberatung Kinderschutz. An diese kann jede Form von Grenzüberschreitung im Umgang mit den Kita-Kindern in der EKHN gemeldet werden. Allgemein seien die Mitarbeiter der Kitas aufmerk- samer geworden: „Wo man früher bei einer Kollegin weggeguckt hätte, wird heute anders reagiert“, sagt Herrenbrück. Kinder sollen in Kitas lernen, ihre Gren- zen wahrzunehmen und zu verteidigen. Der evange- lische Stadtjugendpfarrer in Frankfurt und Offenbach stellt bei den Jungen und Mädchen schon eine positi- ve Veränderung fest: „Die Bereitschaft der Kinder, ein klares ,Nein’ zu signalisieren, ist gestiegen“. In der katholischen Kirche, in der be- sonders viele Fälle von Kindesmissbrauch aufgedeckt wurden, hat sich ebenfalls Vieles getan. So zum Bei- spiel im Bistum Limburg. Hier arbeiten 172 speziell für die Prävention ausgebildete Fachkräfte. Zusätzlich wurden alle Pfarrer in der Prävention von sexuellem Missbrauch geschult. Wer mit Kindern arbeiten will, muss wie im evangelischen Stadtdekanat Frankfurt ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Selbst- verpflichtungserklärung vorlegen. „Wir haben viel gelernt“, sagt der Pressesprecher des Bistums Limburg, Stephan Schnelle. Im Bistum existiert eine Koordinationsstelle, die für die Prävention von sexua- lisierter Gewalt zuständig ist. Schutzkonzepte, wie sie in den Kitas der EKHN existieren, werden auch in den Pfarreien, Verbänden und Einrichtungen des Bistums erstellt. Stephan Menne, Präventionsbeauftragter und Leiter der Koordinationsstelle Prävention vor sexuali- sierter Gewalt im Bistum Limburg, stellt fest, dass die Aufmerksamkeit für die Präventionsarbeit allgemein gestiegen sei. Außerdem werden laut Menne Prä- Katholische Kirche: » Wir haben viel gelernt «

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