JS FORUM 3-4 2020

4 3/2015 JUGENDSCHUTZ FORUM O 3-4 20 Interview Die meisten Jugendlichen haben freien Zugriff auf sämtliche Informationen, können Kontakte zu völlig fremden Menschen aufbauen und leben häufig in einer Welt, die durch Selbstdarstellung auf Instagram, TikTok und Co. geprägt ist. Nur wenige Eltern haben die Zeit oder verfügen über die Kompetenzen, ihre Kinder langsam und bewusst an diese Medienwelt heranzuführen. Wir können von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie diese Fülle von digitalen Herausforderungen selbst- ständig bewältigen. Denn was entspricht dem ge- forderten „verantwortungsbewussten“ Umgang mit Medien? Angemessenes Verhalten in Chats (kein Mobbing etc.), Differenzieren von digitaler und realer Welt, selbstgesteuertes Konsumverhalten, Unter- scheiden von zuverlässigen Quellen und „Fake news“ etc. etc. etc. Auch wir wären in den 90ern wahr- scheinlich nicht in der Lage gewesen, ohne Anleitung auf diese Anforderungen entsprechend zu reagieren. Auf dem NRW-Portal Medienkompetenz ist als Ziel von Medienkompetenz die Vermittlung von „Schlüsselqualifikationen in einer dynamischen Informationsgesellschaft“ angegeben. Kritiker wenden dagegen ein, dass Lesen, Schreiben und Rechnen die Schlüsselqualifikationen für die Einordnung von Inhalten und Bildern im Internet sein müssen, so wie bei allen anderen Medien, wie Literatur, Texte, Nachrichten etc. Über „Schlüsselqualifikationen“ lässt sich natürlich diskutieren. Was einen Menschen qualifiziert, ist ja auch immer von den persönlichen Umständen ab- hängig. Natürlich sollte jemand lesen und schreiben können, der digitale Medien, in welcher Form auch immer, nutzt. Aber auch digitale Medien können dabei helfen, Kindern genau diese Kompetenzen beizubringen. Ich denke nicht, dass grundlegende Kompetenzen (Lesen, Schreiben und Rechnen) und Schlüsselqualifikationen, die in den letzten Jahrzehn- ten immer mehr gefordert sind, in Konkurrenz zu- einander stehen sollten. Zielführender Unterricht, der junge Menschen auf einen beruflichen Werdegang in unserer „dynamischen Informationsgesellschaft“ vor- bereitet, versucht Medienkompetenz im Zusammen- hang mit dem Erlernen von „klassischen“ Schlüssel- kompetenzen zu sehen. Zielführender Deutschunter- richt kann z. B. den Umgang mit Word durch das Schreiben eines Bewerbungsanschreibens fördern, Präsentationen in unterschiedlichsten Fächern das Erstellen von Powerpoint-Präsentationen, Projekt- unterricht die Handhabung von Video-Schnittpro- grammen. Und dies sind nur grundlegende Ideen, sehr medienaffine Lehrerinnen und Lehrer nutzen Johanna Lieven ist Beratungslehrerin Abteilung II und unterrichtet Deutsch und Spanisch an der Prismaschule Langenfeld (NRW), Städtische Gesamtschule, Schule der Sekundarstufe I und II „Wir können von Kindern und Jugendlichen ni dass sie die digitalen Herausforderungen selbst Warum Medienerziehung in der Schule wichtig ist, welche Qualifikationen dabei im Vordergrund Mitarbeit der Eltern geweckt werden kann, dazu hat die Redaktion einige Fragen der Lehrerin Joh Frau Lieven, salopp gefragt, warum muss sich die Schule mit dem Thema „Förderung von Medien- kompetenz“ beschäftigen? Die Förderung von Medienkompetenz an Schulen bzw. im Unterricht wird immer wichtiger, da Kinder und Jugendliche einen verantwortungsbewussten, sicheren und ggf. auch kreativen Umgang mit digitalen Medien nicht alleine durch die Erziehung im Eltern- haus erlernen. Schulen tragen eine Mitverantwortung, jungen Menschen Fähigkeiten zu vermitteln, die sie auf das Leben in unserer Informations- gesellschaft vorbereiten. Ein kompetenter und verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien wird heute außerdem in vielen Berufen gefordert, sei es im Umgang mit unterschiedlichen Programmen oder bei der Recherche von Informationen. Aber auch im privaten Bereich ist es für Schüle- rinnen und Schüler unerlässlich, zuverlässi- ge Informationsquellen nutzen zu können. Nicht zuletzt hat auch die Kommunikation und Selbstdarstellung in Chats oder auf Social-Media-Plattformen für Jugendliche eine immer größer werdende Bedeutung. Ihr Alltag innerhalb der Peergroup ist ge- prägt durch diese digitale Vernetzung, wo- raus in den letzten Jahren ganz neue He- rausforderungen entstanden sind, denen Heranwachsende häufig nicht gewachsen sein können. Schulen bieten hierbei einen Rahmen, um einen bewussten Umgang für diese Kommunika- tionsformen zu erlernen. Wir nehmen mal an, dass Sie wie die meisten Erwachsenen keine besondere medienpäda- gogische Förderung erhalten haben. Trotzdem können wir in der Regel mit Medien – gemeint ist ja das Internet bzw. der Zugriff darauf über das Handy – „verantwortungsbewusst und sicher um- gehen“. Sind Jugendliche dazu heute nicht mehr in der Lage? So pauschal lässt sich diese Frage nicht beantwor- ten. Sicher ist jedoch, dass ich selbst die Chance hatte, wesentlich „sanfter“ an den Konsum von di- gitalen Medien herangeführt zu werden. Mein erstes Handy – und 2002 war es wirklich noch ein Handy und kein Smartphone – war ein Nokia 6210, mit dem ich telefonieren, und, wie man so schön sagte, „simsen“ konnte. Social-Media spielte noch keine Rolle, der Computer wurde erst im Studium wichtig. Heute können Kinder zu Außenseitern werden, deren Eltern sich „erst“ nach der Grundschulzeit dazu ent- scheiden, sie mit einem Smartphone auszustatten.

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