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3/2018 JUGENDSCHUTZ FORUM O 4 Standpunkt Erziehung oder Therapie? Wie reagiert der Jugendschutz auf die Einstufung der WHO von „internetbezoge Warum sträubt sich der Jugendschutz gegen die Entscheidung der WHO, Computerspiel- sucht als Krankheit anzuerkennen? Klaus Hinze: Wir halten die aktuellen Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nicht für ausreichend, um eine solch schwerwiegende Diagnose zu be- gründen, es handelt sich immerhin um eine Abhän- gigkeitserkrankung. Auch innerhalb der WHO gab es hinsichtlich der Aufnahme dieses Krankheitsbildes in den ICD 11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems – Entwurf der elften Version des WHO Klassifikationssystems für medizinische Diagnosen) unterschiedliche, auch sehr kritische Positionen. Die Befürworter, besonders aus den asiatischen Ländern, haben sich mehrheitlich durchgesetzt. Was befürchten Sie konkret für Kinder und Jugendliche? Klaus Hinze: Angesichts fehlender eindeutiger Kri- terien für die jetzt festgelegten Diagnosen befürchten wir eine übermäßige Pathologisierung betroffener junger Menschen, denn sie stehen derzeit im Fokus der Betrachtung. Die aktuellen Diskussionen um das Suchtpotenzial von digitalen Spielen und Social-Me- dia, man schaue hier z. B. auf die Forsa-Befragung im Auftrag der DAK (2018), sind problematisch. Es kann zu einer massiven Fehleinschätzung hinsichtlich der jugendkulturell bedingten digitalen Kommunikation führen, im Extremfall zu einer entsprechenden Diag- nose durch Ärzte, einer Diagnose, die dann übrigens in einer Kategorie mit Online-Sex-Sucht, Online-Kauf- sucht usw. steht. Ausgangspunkt ist, dass die Nutzung digitaler Me- dien zum Lebensalltag junger Menschen gehört. Die Bundesregierung formuliert in ihrer Stellungnahme zum 15. Kinder- und Jugendbericht „wer nicht (digital) kommuniziert, nimmt nicht teil.“ Kommunikations- und Freizeitverhalten junger Menschen sind dabei in stän- digem Wandel, technische Neuerungen und die im- mer schneller ablaufende Digitalisierung aller Lebens- bereiche werden von jungen Menschen oft schneller antizipiert als von Erwachsenen. Nutzungsweisen digitaler Medien dürfen deshalb nicht vorschnell als Störungsbild benannt werden, nur weil Eltern, Lehrer/ innen und Ärzte kein Verständnis dafür entwickeln. Wer klärt eigentlich, was exzessive Medien- nutzung ist? Klaus Hinze: In der EXIF-Studie (Kammerl et.al. EXIF: Exzessive Internetnutzung in Familien) im Auf- trag des Bundesfamilienministeriums wurde deutlich, dass eine exzessive Mediennutzung junger Men- schen zumeist mit familiären Konflikten einhergeht. Zentral ist die Frage, wer denn das Problem definiert. In jedem Fall muss deshalb eine eindeutige Klärung erfolgen, ob die Einschätzung des problematischen Mediennutzungsverhaltens aufgrund Adoleszenz bedingter oder familiendynamisch bedingter Eltern- Kind-Konflikte erfolgt und das Verhalten der jungen Menschen darin begründet sein kann. Kinder und Jugendliche mit exzessiver Mediennutzung können in konflikthafte Situationen in Schule und Elternhaus geraten. Dann brauchen sie und ihre Familien mögli- cherweise Unterstützung zur Lösung dieser Konflikte durch Familienberatung oder Angebote der Jugend- sozialarbeit. Wir befürchten als Folge der Erstellung einer solchen Diagnose eine übermäßige Pathologi- sierung und Stigmatisierung der betroffenen jungen Menschen. Natürlich gibt es Einzelfälle mit problematischen Mediennutzungsverhalten auch bei Kindern und Ju- gendlichen, die pathologische Züge annehmen und behandlungsbedürftig sind. Viele dieser Fälle werden im Kontext der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung behandelt. In diesen Fällen liegt aber meist eine vielschichtige Komorbidität vor, in der auch andere psychische Störungen deutlich werden, der Rückzug auf die Mediennutzung ist eines von meh- reren Problemen. Was ist das eigentlich: Medienabhängigkeit? Klaus Hinze: Problematisch ist, dass es bisher kein schlüssiges Theoriemodell für internetbezogene Stö- rungen gibt. Dies ist auch nicht verwunderlich, da es noch nicht einmal eine klare Begrifflichkeit gibt, so fallen die Begriffe Medienabhängigkeit, Internetsucht, Computerspielsucht, Internetabhängigkeit, Social- Media-Sucht usw. Die bisherigen Erklärungsmodelle sind vom Krankheitsbild des Alkoholismus oder der Glücksspielsucht abgeleitet, beide Theoriemodelle erscheinen nicht stimmig übertragbar. Die Abhän- Die Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz und die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen haben sich kritisch zu der Aufnah- me der sogenannten Computerspielsucht in den Krankheitskatalog der WHO geäußert (sie- he blauer Kasten). Internetbezogene Störungen zu einem Krankheitsbild zu machen, sei nicht angemessen, sagen die beiden Verbände. Wir haben den Geschäftsführer der Aktion Kin- der- und Jugendschutz (AKJS) in Brandenburg, Klaus Hinze, gefragt, welche Bedeutung die Entscheidung der WHO für den Erziehungs- und Bildungsbereich habe. Hinze hat als Ver- treter des Jugendschutzes die Diskussion in- tensiv verfolgt und von Beginn an Kritik an der Entwicklung geäußert. Klaus Hinze Diplom-Soziologe und Sozialpädagoge (FH), Supervisor und Mediator Geschäftsführender Referent bei der AKJS Brandenburg, Jugendschutzsachverständi- ger und Vertreter der Obersten Landesjugendbehörde des Landes Brandenburg bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und der Unterhaltungssoftware-Selbst- kontrolle (USK) www.jugendschutz- brandenburg.de Fachverbände warnen vor Stigmatisierung Pressemitteilung der BAJ und DHS : https://www.bag -jugend- schutz.de/pressemitteilun- gen.html

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